GAUTHIER DANCE JUNIORS
"Radical Classical"
16. Oktober 2026, 20 Uhr
Ort: Kulturzentrum Tollhaus
Choreografien von Aszure Barton, Mauro de Candia, Marie Chouinard, Eric Gauthier, Andreas Heise, Ohad Naharin, Marco GoeckeWelche Kunstform verbindet klassische Musik und Bewegung? Man kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass bei einer kurzen Umfrage auf der Straße fast jeder mit „Ballett“ antworten würde. Das gemischte Programm „Radical Classical“ möchte zeigen, wie faszinierend die gar nicht so seltene Kombination aus zeitgenössischem Tanz und klassischer Musik sein kann. Das Mittel der Wahl: zeitgenössische „Klassiker“ berühmter Choreografen. Der zusätzliche mediale Mehrwert in den Pausen zwischen den Tanzstücken: eigens produzierte informative Kurzfilme, die jedes Musikstück aus einem anderen Blickwinkel beleuchten. Entwickelt von Eric Gauthier und dem Dramaturgen Thomas Geiger, liegt der Fokus hier teils auf den Instrumenten, teils auf den Komponisten und teils auf den darstellenden Künstlern. Und obwohl diese kurzen Dokumentarfilme sicherlich für das gesamte Publikum von Interesse sein werden, hatte Eric Gauthier bei der Planung dieses Programms eine besondere Zielgruppe im Blick: junge Menschen, die normalerweise wenig Kontakt mit klassischer Musik haben. Alles deutet darauf hin, dass „Radical Classical“ sie nicht nur informieren, sondern auch inspirieren wird. Schließlich sind die Gauthier Dance JUNIORS nicht nur unglaublich sympathisch. In diesem sowohl darstellerisch als auch technisch äußerst anspruchsvollen Programm beweisen sie, wie radikal klassische Musik sein kann.Mit ihrem Pas de deux aus „Lascilo Perdere / Duet“, das ursprünglich 2005 für ihre eigene Compagnie AB&A choreografiert wurde, hat Aszure Barton möglicherweise gerade einen Rekord für den längsten und gewagtesten Moment einer Zungenverknüpfung in einem Tanzstück aufgestellt. Während der gesamten Dauer von Antonio Vivaldis hypnotischem „Nisi Dominus – Cum Dederit“ verwickelt die neue Artist-in-Residence ein Paar in eine körperlich nahezu unmögliche Darbietung. Vivaldi wurde sicherlich noch nie zuvor auf diese Weise in Tanz umgesetzt!Der Urknall des modernen Tanzes: Nijinsky choreografierte 1912 sein ikonisches „L’Après-midi d’un faune“ für die Ballets Russes, unterlegt mit dem impressionistischen Meisterwerk von Claude Debussy. Inspiriert von Nijinskys bahnbrechender Choreografie und historischen Fotografien, die ihn in seiner berühmten Rolle zeigen, schuf Marie Chouinard ihre eigene Version für eine weibliche Faun-Figur, die sich seitdem zu einem Schlüsselwerk in ihrem Œuvre entwickelt hat. Mit den ersten Tönen von „Prélude à l’après-midi d’un faune“ entführt uns das Solo in eine mythische, archaische, buchstäblich unmenschliche Welt. Wie und wovon träumt ein Fabelwesen? Die kanadische Tanzavantgardistin zeigt es uns.Britten, Händel, Mozart, Schütz, Purcell, Schubert, Wagner …: Nur wenige Choreografen haben sich so intensiv mit klassischer Musik und insbesondere mit der Oper auseinandergesetzt wie Andreas Heise. Auch „Frühlingsstimmen“ blickt hinter die Fassade. Auf der einen Seite steht die überschwängliche Freude des klassischen Walzers von Johann Strauss II., die Verzückung und Schönheit des erwachenden Frühlings. Andererseits gibt es Zweifel und Skepsis, eine marionettenhafte Szene, in der sich die Tänzer wie ferngesteuert bewegen. Und die drängende Frage: Wo liegen die Bruchlinien in einer vermeintlich perfekten Welt?Es fällt schwer, sich ein Musikstück vorzustellen, das so oft, so unterschiedlich und so kreativ in Tanz umgesetzt wurde wie Maurice Ravels „Boléro“. Auch Ohad Naharin ließ sich von diesem Kultstück inspirieren – auf seine ganz eigene Art … Nicht nur enthält der Titel „B/olero“ einen Schrägstrich, sondern der „Godfather of Gaga“ hat sich zudem für ein Synthesizer-Arrangement des japanischen Komponisten Isao Tomita entschieden.Auch „Orchestra of Wolves“ von Eric Gauthier steckt voller Humor. Diese auf den ersten Satz von Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie gesetzte Miniaturkomödie greift die berüchtigte Rivalität zwischen Dirigent und Orchester auf. In der professionellen Musikszene handelt es sich dabei meist um einen Kampf zwischen zwei fast gleichstarken Gegnern. Es gibt nur ein Problem: In diesem Stück ist der Dirigent ein Vogel, und im Orchester spielen ausschließlich Wölfe …Von Anfang an war Michel Fokines „Der sterbende Schwan“ aus dem Jahr 1905, in einer Bearbeitung von Eric Gauthier, ein fester Bestandteil jeder Tournee von MOVES FOR FUTURE. Ursprünglich für die Primaballerina Anna Pawlowa geschaffen, wurde das Solo zur verträumten Musik von Camille Saint-Saëns’ „Der Karneval der Tiere“ zum Inbegriff des klassischen Balletts. Mit „La Morte del Cigno“ wirft der italienische Choreograf Mauro de Candia einen radikal neuen Blick auf dieses ikonische Stück. In seiner Interpretation wird der sterbende Schwan nicht von einer zierlichen Ballerina im Tutu verkörpert, sondern von einem männlichen Tänzer.Marco Goecke steuert eine Weltpremiere zu „Radical Classical“ bei. Er widmet sie der Kostümbildnerin und Mitbegründerin des Theaterhauses Stuttgart, Gudrun Schretzmeier, die im September 2025 verstorben ist. „FURIA“, entstanden in einer atemlosen sechstägigen Probenphase, ist ein Versuch, die Zeit einzufangen. Als musikalische Vorlage wählte der langjährige Artist in Residence von Gauthier Dance die barocken „La Folia“-Variationen von Marin Marais und Arcangelo Corelli – zwei Kompositionen aus einer Epoche, die künstlerisch von der Vergänglichkeit der Zeit besessen war. „Ihr müsst um die vergehende Zeit kämpfen“, sagte der Choreograf während der Proben zu den Tänzern, „kämpft darum, die Zeit festzuhalten, auch wenn ihr merkt, dass sie vergeht.“ In dem Video ist der Dirigent Mark Mast zu sehen.Empfohlenes Alter: ab 16 Jahren.Die Aufführung enthält Darstellungen sexueller Inhalte.
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